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Michael Schneider, zum 70. Geburtstag
von Stephan Reinhardt

 

Michael Schneiders umfangreiches Werk ist weit gefächert. Und zu Beginn eines kurzen biographischen Überblicks heißt es: "Michael Schneider ist der Sohn Komponisten und Dirigenten Horst Schneider, sein Bruder ist der Schriftsteller Peter Schneider. Bei Kriegsende floh die Familie aus Königsberg nach Westdeutschland. Michael Schneider wuchs in Grainau in Oberbayern und Freiburg im Breisgau auf." Soweit die biographische Notiz. Springen wir nach vorn, in das Jahr 1980. Sein Debüt "Das Spiegelkabinett" machte den politischen Publizisten und kulturkritischen Essayisten Michael Schneider einem größeren Publikum erstmals auch als Prosaautor bekannt.

Der Autor, der schon als Schüler das Zaubern zu lernen begann, hatte diese "Novelle" mit der listigen Widmung versehen: "All denen, die nicht zaubern können". Im Mittelpunkt der spannend erzählten Handlung stehen zwei zaubernde Brüder und ihre unterschiedlichen Berufsauffassungen. Der ältere, dem von den Eltern geerbtes Talent attestiert worden war, erfüllt die Wünsche des Publikums nach Wundern, der jüngere, der sich in der Erziehung zurückgesetzt gefühlt hatte, verzichtet auf das Etikett des genialen Magiers und profiliert sich als unterhaltender Zauberer. Er erläutert in den Vorstellungen sogar einige seiner Tricks. Zaubernkönnen, sollte das heißen, ist bei viel Geschicklichkeitstraining  erlernbar. Nicht ausschlaggebend ist dabei die Biologie der Vererbung. Michael Schneider hatte sich nach dem Abitur 1963 in einem mehrjährigen Biologiestudium in Freiburg und auch später mit der Vererbungstheorie auseinandergesetzt, mit der politisch zwischen rechts und links immer strittigen Kernfrage, welchen Einfluss Vererbung und Erziehung auf Gleichheits- oder Ungleichheits-verhältnisse nun ausüben.

Das Ende der 7o-er Jahre entstandene erzählerische Kabinettsstück "Das Spiegelkabinett" war auch eine Antwort auf den neuen Zeitgeist. Was noch 1968 während der Studentenbewegung Aufklärung, Veränderbarkeit, Emanzipation geheißen hatte, bedeutete nun auf einmal Hinnahme der gegebenen Verhältnisse, Komplexität, Undurchschaubarkeit. Das geistige Menu hatte sich binnen kurzem geändert. An die Stelle der kritischen Theorie trat das Einverständnis mit den gegebenen Verhältnissen.

Michael Schneider studierte 1968 an der FU Philosophie, Soziologie und Religionswissenschaften, wurde Sprachrohr und Kritiker der Studentenbewegung. Auf dem Foto einer Demonstration gegen die griechische Militärjunta auf dem Kurfürstendamm ist er in der ersten Reihe zu sehen. Vorübergehend schloss er sich einer maoistischen Splittergruppe an. Einige Monate arbeitete er bei Siemens als Materialprüfer. Die daraus erwachsene Distanz zum linken Dogmatismus schloß eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Sozialismus ein. Michael Schneider wurde in der Neuen Linken einer der profundesten Kritiker der Despotie des Stalinismus.

Nach einem Zwischenspiel als Lektor im Wagenbach-Verlag veröffentlichte er seine Doktorarbeit "Neurose und Klassenkampf". Sie wurde zu einem der anregendsten Texte der Studentenbewegung. Der geistigen Architektur der Aufklärung verpflichtet, bezog Michael Schneider - ganz im Sinne der Frankfurter Schule - die Freudsche Psychoanalyse mit ihrem Es-, Ich- und Über-Ich-Modell und die kritische Gesellschaftsanalyse von Karl Marx aufeinander. Seine These: Rationalisierung und Konsumismus bleiben im entfesselten Kapitalismus nicht ohne negative Folgen für die Psyche. Je unerbittlicher sich der Prozess der Kapitalverwertung vollzieht, um so mehr ruft er psychische und soziale Folgeschäden hervor - ein Befund, der heute in den Zeiten von Billiglöhnen und Hartz 4 immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Schneiders gesteigerte Aufmerksamkeit für seelische Vorgänge und ihre Störungen hat eine Ursache gewiss auch darin, dass er als Kind traumatisiert wurde durch den frühen Tod der Mutter, und dass er aufgewachsen ist in der Nachkriegszeit, wie er einmal schreibt, in der Umgebung von "körperlichen oder seelischen Kriegsinvaliden". Er reagierte darauf mit Frage- und Sprechhemmungen und somatisierte durch Asthma-Anfälle - ebenso wie seine Romanfigur Eulogius Schneider, ein Jakobiner im Revolutionsroman "Der Traum der Vernunft".

Mit Ironie notiert Michael Schneider in seinem "Lebenslauf": "Meine Spezialität: historisch-politische Argumentation mit tiefenpsychologischen Erklärungsmustern zu verbinden." Er macht sich in der Historie kundig und vergegenwärtigt sich Sachverhalte und Argumentationslinien. Dabei bedient er sich gern des dialektischen Dreischritts von These, Antithese und Synthese, wobei der hegelsche Begriff der Dialektik, wie Schneider betont, dreierlei meint: nämlich eben nicht nur "zerstören", sondern auch "aufbewahren" und "auf eine höhere Stufe heben". So verfährt er auch beim Begriff Sozialismus.

Michael Schneider wurde zu einem genauen und sensiblen Beobachter der politischen Wetterlage und des Zeitgeistes. Als sich zum Beispiel ein narzistischer Geniekult mit dem Heiligenschein religiöser Weihe umgab, erinnerte er in seinen Künstler-Psychogrammen "Die Traumfalle" an eine kritischere Kunst. Als kulturkritischer Publizist verschaffte er sich in Zeitschriften und Essaybänden Gehör mit sprechenden Titeln wie "Die lange Wut zum langen Marsch", "Den Kopf verkehrt aufgesetzt" oder "Nur tote Fische schwimmen mit dem S?trom". Er wurde und blieb ein zäher Streiter für seine Ideen und Argumente. Mit dem Strom schwimmen, das ist seine Sache nicht. Und er reagiert schneller als andere.

Er widersprach sogleich, als in den siebziger Jahren Grundimpulse der Aufklärung - wie die Befreiung des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, wie der Wille zur Veränderung missliebiger Verhältnisse - eingetauscht wurden gegen das Vokabular von Mythos, Elite, Geniekult. Warum das Erkenntnisinstrument der Dialektik diffamieren als "totalitäre Besserwisserei"? Warum, fragte er, benutzt man nicht vielmehr die "besten Theorieelemente" von Marx und entwickelt sie weiter? Warum keinen dritten Weg verfolgen, den des freiheitlichen und ökologisch aufgeklärten Sozialismus?

Inzwischen Schauspieldramaturg in Wiesbaden, schrieb Michael Schneider Theaterstücke. Er kennt die Theaterliteratur. Allen voran Brecht, Tschechow und Shakespeare. Zehn Jahre nach 1968 hält er in dem Stück "Luftschloss untertage" seiner Generation den Spiegel vor: Verstrickt in Beziehungsprobleme, haben die mittlerweile wohlsituierten Mitglieder einer Wohngemeinschaft ihre politischen Hoffnungen begraben. Selbstmitleidig sehen sie sich als Opfer der "Verhältnisse", als Opfer von "Nazi-Eltern", die nur noch eins wollten, nämlich im Wirtschaftswunder vergessen zu machen, wie tief sie verstrickt waren in das NS-System. Selbstkritisch dagegen fragt allein die Lehrerin Johanna: "Waren wir soviel besser?" Wie kurz war unser eigener "Weg vom Protest zum Anpasser- und Mitläufertum"? Und sie hält fest an ihren Träumen: "Den Träumen nicht die Flügel abschneiden, sie wahr zu machen, ist die Kunst." Michael Schneider bescheibt  psychische Langzeitfolgen des NS-Regimes. Er will ermuntern zu Selbst-bewusstsein, das heißt für ihn, die Utopie und das Prinzip Hoffnung nicht dem Geschichtspessimismus und der Melancholie zu opfern.

Michael Schneider setzt sich mit den Quellen auseinander. In dem dokumentarisch unterlegten Zeitstück "Die Wiedergutmachung" beschreibt er den politischen Neuanfang nach der Gründung der Bundesrepublik. Während der Kalte Krieg aus den ehemaligen Antihitlerverbündeten USA und Sowjetunion wieder Feinde gemacht hat, gelangt ein Wirtschaftsführer des Dritten Reiches erneut ganz nach oben. Im Windschatten des Antikommunismus, zur Staatsräson der Bundesrepublik geworden, erlahmte mit der amerikanischen Aufforderung zur Wiederbewaffnung auch der eh schon geringe Wille, über die Teilhabe der Väter und Mütter am NS-Regime aufzuklären. Alltag wurde, was eine Figur des Stückes auf den Vers bringt: "Anstatt des Land von Nazis reinzuwaschen/Wäscht man die alten Nazis selber rein".

Obwohl Schneiders "politisches Geschichtsdrama" der historischen Wahrheit folgt, wird es 1977 nach seiner Uraufführung als kommunistische Propaganda diffamiert. Dem Intendanten wird der Vertrag vorzeitig gekündigt. Widerspruch gegen offizielle Sprachregelungen ist auch in der Demokratie nicht folgenlos. Tabus, kollektive Denkblockaden, Feindbilder zu durchbrechen, verlangt ebenso Mut wie analytischen Durchblick.

Ihn hat Michael Schneider erneut in einem luziden Essay am Beispiel des Flickskandals demonstriert. Das größte private Industrieimperium der Bundesrepublik kaufte sich mit Millionenspenden aus schwarzen Kassen eine ihm wohl gesonnene Politik. Als die SPD eine Amnestie verweigerte, wechselte der Koalitionspartner zur politischen Konkurrenz. Ausgerechnet der Flickkonzern, schreibt Michael Schneider, der mit "wahrhaft kriminellen Methoden", durch "Arisierung" jüdischen Ver-mögens" und anderes mehr, "ein Milliardenvermögen zusammengerafft hat",  macht  "sich fast die gesamte politische Klasse" der Bundesrepublik "gefügig".  Erstaunlich gegenwartsnah beschreibt Michael Schneider hier im Jahre 1985 schon das "anarchische Treiben der entfesselten Kräfte des sog. freien Marktes" - mit seinen sinkenden Reallöhnen und "sozialer Demontage". Übrigens, eine  Anmerkung: Den Ludwig-Börne-Preis für politische Publizistik 2013 erhält ein neoliberaler Philosoph, der das gerechte Steuermodell der progressiven Steuern ersetzt wissen will durch freiwillige Steuergeschenke der Besondersgutverdienenden. Dieser Preis für politische Publizistik stünde Michael Schneider zu. Seit Jahrzehnten hat  er im Geiste der Aufklärung als politischer Publizist angeschrieben gegen falsche Legenden und Vorurteile.

Er ist es auch, der hellhörig wird, als der neue sowjetische Generalsekretär Gorbartschow Ende 1985 zum erstenmal mit Reagan zusammentrifft und dabei die Worte sagt: "Wir werden Ihnen in den nächsten Jahren etwas Furchtbares antun! Wir werden Ihnen Ihr liebstes Feindbild nehmen!"

Mit seiner Frau Ingeborg, der für ihn so wichtigen Anregerin und ersten Leserin, reiste Michael Schneider im Sommer 1987 und erneut ein Jahr später kreuz und quer durch die Sowjetunion. Schneider fand auf diesen Reisen zwischen Murmansk, Moskau und Sarmakand seine Vermutung bestätigt, dass Gorbatschows Glasnost und Perestroika tatsächlich Demokratisierung bedeutete und dass sie sich bereits als epochale Wende vollzog. Der noch existierenden DDR empfahl Schneider, dem sowjetischen Beispiel zu folgen. "Das Programm der 'Perestroika'", ließ er sie wissen, "lässt sich auch auf die berühmte Formel Rosa Luxemburgs bringen: "Kein Sozialismus ohne Demokratie - keine Demokratie ohne Sozialismus."

Begleitet von dem Moskauer Schriftsteller Rady Fish, einem ehemaligen Offizier des Zweiten Weltkrieges, rekonstruierte Michael Schneider die beispiellose Blutspur, die die Wehrmacht in diesem rassisch-ideologischen Vernichtungskrieg in der Sowjetunion gezogen hatte. Jahre vor der Wehrmachtsausstellung wies er auf die Verbrechen der deutschen Wehrmacht hin. Ebenso widerlegte er den im sog. Historikerstreit verfochtenen Revisionismus, Hitler sei Stalin ja nur präventiv durch Krieg zuvorgekommen. Während ihre deutschen Landsleute den Versuch des Genozids an den Slawen verdrängt haben, strecken die Sowjetbürger, stellen Ingeborg und Michael Schneider auf diesen Rußlandreisen fest, die Hand zur Versöhnung aus - trotz ihrer unermesslichen Blutopfer.

Nach der Epochenwende 1989/90 und der Auflösung der Sowjetunion war Michael Schneider einer der ersten, der schon 1991 in dem Rückblick "Das Ende eines Jahrhundertmythos" "eine illusionslose Bilanz des Sozialismus" gezogen hat. Mit dem Scheitern des sowjetischen Staatssozialismus ist zu Ende gegangen, zieht er in seinen Worten das unmissverständliche Resumee, die "allgemeine Staatssklaverei" von Zentralverwaltungswirtschaft, Einparteienherrschaft, Diktatur des Politbüros, Allmacht der Sicherheitsapparate und Zensur. Nicht aber der Sozialismus als Idee und Projekt. Schneider trennt Irrtümer von Karl Marx wie die Verelendungstheorie - von jenen Beschreibungen des Kapitalismus, die heute noch aktuell sind: dass und wie das Kapital wie eh und je bei der Suche nach profitablen Absatz- und Verwertungsmöglichkeiten eine national wie global gerechte soziale und ökologische Verteilung scheut. Während eine Zeitschrift wie der "Merkur" nach dem Konkurs des System-Rivalen den siegreichen Kapitalismus zum einzig humanen Wirtschafts- und Zivilisationsmodell verklärte, behielt Michael Schneider einen kühlen Kopf. Er setzte sich dagegen zur Wehr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die "freie Marktwirtschaft", gibt er zu bedenken, verschärft - zumal in Zeiten der Rationalisierungsschübe und der Globalisierung - gerade die Probleme, die sie zu lösen vorgibt: Welthunger, Armut, Massenarbeitslosigkeit, Umweltunverträglichkeit. Und unter Sozialismus verstand Marx zum Beispiel eben nicht, ruft Schneider in Erinnerung, Verstaatlichung allen Privateigentums, sondern Pluralismus der Eigentumsformen sowie selbstverwaltete "freie Assoziation der Produzenten".

Doch davon, von Genossenschaften, Mitbestimmung in Arbeitnehmerhand und Wirtschaftsdemokratie, wollte nach der Wende niemand mehr etwas wissen. Im Furor des Privatisierungsfundamentalismus wurde die ehemalige DDR gleichsam kolonisiert. In der bereits im November 1990 erschienenen Klarschrift "Die abgetriebene Revolution". Untertitel: "Von der Staatsfirma in die DM-Kolonie" berichtet Schneider präzis an den Tatsachen entlang, "wie Deutschland Ost" durch die Treuhand "brüderlich an Deutschland West verteilt wird". Nicht ist bei der Vereinigung der Produktions- und Arbeitsplatz-Standort ehemalige DDR "gefragt", sondern "der Markt und der Vertrieb". Die Privatisierung der DDR zu Schleuderpreisen wurde mit Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit erkauft. Die Vereinigung verlief nach der Devise: "Die Gewinne werden privatisiert. Ihre Kosten sozialisiert." Der neoliberale Zeitgeist ließ eine vernehmbare Kapitalismuskritik von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern nicht zu. Michael Schneider dagegen äußerte sie laut. Entmutigen ließ er sich nicht.

2009, seit längerem schon Mitglied im Beirat von Attac, stellte Michael Schneider erneut das, wie er es nannte, "welthistorische Projekt" des Sozialismus in den Mittelpunkt eines Vortrages in Wiesbaden. Die auch die Europäische Union an- und fehlleitenden Dogmen des Neoliberalismus mit ihrem Schlachtruf "Deregulierung, Flexibilisierung, Privatisierung" hatten mittlerweile die globale Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 ausgelöst. Michael Schneider sagt, was nun etliche sagen werden, aber er sagte es früher als sie, weil er es schon seit 40 Jahren beobachtet, dass nämlich der "Verwertungsdrang des Kapitals" keine Grenzen kennt. Der "ökonomische Totalitarismus" vermarktet sowohl Güter und Dienstleistungen als auch Mensch und Natur. Vor nichts macht er Halt: mittlerweile auch nicht vor Zeugung und Schwangerschaft, weder vor Embryonen noch vor Organen. Er ist, stellt Michael Schneider fest, schlicht "verfassungswidrig". Der Mensch aber darf nicht "Mittel zum Zweck der Kapitalverwertung" sein, sondern umgekehrt muss das Wirtschaftshandeln wieder dem Menschen dienen, seiner Selbstentfaltung. Eigentum, zitiert Michael Schneider wiederum früher als manch anderer die Verfassungsvorgabe, muss dem "Wohl der Allgemeinheit" dienen. Und er fügt den Wortlaut von Artikel 15 hinzu: "Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung… in Gemeineigentum und in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden". Michael Schneider ist einer der wenigen, der heute diesen Wortlaut von Artikel 15 in den Mund nimmt. Und im Wochenblatt "Freitag" fordert er ein "Internationales Tribunal", vor dem die infame Spekulation auf Nahrungsmittel anzuklagen ist als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Anfang der 90-er Jahre wurde Michael Schneider Dozent, dann Professor für "Text, Dramaturgie und Stoffentwicklung" an der Filmakademie Baden-Württemberg im schwäbischen Ludwigsburg. Gleichzeitig wandte er sich einem neuen literarischen Genre zu, dem historischen Roman. In seinem opus magnum "Der Traum der Vernunft" formulierte er eine Entgegnung auf den nun aggressiven antiaufklärerischen Zeitgeist. In einem "Anschwellenden Bocksgesang" hatte einige Jahre zuvor ein Kollege das Projekt der Aufklärung diffamiert als Ursache aller Übel und Gotthold Ephraim Lessing sogar als naiven, selbstherrlichen "Gutmenschen" attackiert.

Michael Schneider, sich als Dialektiker immer auf den Widerspruch einlassend, stellt im "Traum der Vernunft" die Frage: Wie konnte es dazu kommen, daß eine nach vorn weisende gesellschaftliche Umwälzung wie die Französische Revolution so in Terror entartete? Gebiert der Schlaf der Vernunft notwendig Ungeheuer, also Terror, wie ein denkwürdiges Bild von Goya nahelegt? Diese Frage ist der innere Motor des Aufklärungsromans "Der Traum der Vernunft". Michael Schneider erzählt sie - historisch gründlich durch Quellen belegt - am Beispiel des deutschen Franziskanerpaters und Poetikprofessors Eulogius Schneider, der als Ankläger des elsässischen Revolutionstribunals Menschen unter die Guillotine brachte und selbst auf dem Schafott endete. Ein Idealist, der zum "Gewaltidealisten" wurde, ein  Begriff von Michael Schneider. Michael Schneiders Antwort: Wer aus Gründen der Selbstbehauptung Gewalt zum obersten Prinzip erhebt, verrät Antrieb und Ziel: die Humanität. Das war auch seine Antwort auf den RAF-Terror. Michael Schneider, der in ausgefeilten Dialogen das philosophische Grundgerüst der Aufklärung porträtiert, sind brilliante Dispute über die Universalisierbarkeit von Menschenrechten, über Egoismus und Gemeinsinn, über gerechte, ungerechte Kriege, gelungen. Sie sind ganz aktuell. Und sie sind das geistige Gerüst, das ihn selber trägt.

Erneut hat Michael Schneider im Genre des historischen Romans eine schillernde Figur der Aufklärung zum Leben erweckt. Dem elsässischen Jakobiner setzt er in dem Schelmen- und Hochstaplerroman "Das Geheimnis des Cagliostro" den Hellseher und Arzt Cagliostro entgegen, der die okkulten Spleens des Publikums bedient und als philantropischer Freimaurer zum Arzt der Armen wird. Der Aufklärer und der Illusionist: zwei Seelen auch in Michael Schneiders Brust.

Michael Schneider zaubert nicht nur mit Bällen, Ringen und bunten Tüchern, sondern auch mit Wörtern und Sätzen. Er nutzt sie, um das Bild einer seiner Figuren zu wiederholen, nicht um "den Träumen die Flügel abzuschneiden", sondern um "sie wahr zu machen". Zum Beispiel den "Traum der Vernunft". Freilich ohne "Gewaltidealisten", ohne die "Ungeheuer", die im Sinne von Goyas Capricho der "Traum der Vernunft" gebiert. Ohne Gewalt und Terror.

 

 

Laudatio
Zur Verleihung des George-Konell-Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden an Michael Schneider

Von Dr. Viola Bolduan, Nov. 2010

Sehr geehrte Kulturdezernentin Rita Thies,
sehr geehrte Jury,
sehr geehrte Festgäste,
sehr geehrter Preisträger Michael Schneider,
 
mit der heutigen Verleihung des George-Konell-Preises halten Sie nun beide Auszeichnungen in Händen, die die Stadt Wiesbaden an Schriftsteller zu vergeben hat. Ich gratuliere sehr und bin überzeugt, das wird Ihnen so leicht niemand nachmachen können.
 1981 waren Sie der allererste Kulturpreisträger der Stadt und wenn Sie heute, 29 Jahre später, den George-Konell-Preis erhalten, darf die Stadt wohl froh sein, dass Sie noch immer auch in ihrer Nähe leben und arbeiten, dass Sie hier Ihre Bücher öffentlich vorstellen und -  wie wir alle wissen -  auch ohne Bücher wirksam auftreten können. Wir alle sind also dankbar, dass Sie uns hier schon so lange in Ihr berühmtes – manche meinen auch: berüchtigtes - Spiegelkabinett schauen lassen.
 

Und was wir da sehen seit Ihrer ersten Novelle unter diesem Titel „Spiegelkabinett“, besser: als Schriftbild lesen – ist dessen kontinuierliche Fortsetzung, nämlich: Ein Kabinettstück kunstvoller Tiefenspiegelung unserer Wirklichkeit in den vielen Facetten ihrer historisch-gesellschaftlichen Bedingtheit, die Sie kraft Ihrer Vernunft analysieren – und ist gleichzeitig immer auch Widerschein von Geheimnis und  Wünschbarem, den wir durch den von Ihnen niedergeschriebenen Traum von der Qualität des Seins und des Scheins erfahren.

So wie die Titel Ihrer beiden historischen Romane, das „Geheimnis des Cagliostro“ und „Der Traum der Vernunft“ auf das Janusköpfige des Menschen verweist, der in eine helle  Zukunft schauen will und dabei die eigenen Untiefen vergessen kann, oder aber mit Vorspiegelungen und Illusionen handelt, um auch mit ihrer Hilfe für sich selbst und andere Erkenntnis zu gewinnen.
Schein und Sein schließen sich nicht aus – weder in Ihrem literarischen Werk noch in Ihren persönlichen Auftritten, wenn Sie die Magie des Wortes eintauschen gegen die Schwebenummer Ihrer Hände.

Auch der Schriftsteller Michael Schneider arbeitet mit diesen Händen und ist dabei ein Illusionskünstler von hohen Graden, indem er das scheinbar Disparate verbindet: Kritik an Finanzmechanismen etwa packt er in ein Märchen; er breitet einen erfindungsreichen und fest geknüpften Erzählteppich aus für die Fallhöhe seiner historischen Figuren; er folgt den geraden und auch ungeraden Wegen des europäischen Idealismus mit kritischem Verständnis, er spürt die Bruchstellen historischer Entwicklungen auf und hält hartnäckig fest, dass und wie sie nicht überwunden sind.
Michael Schneider nutzt geschichtliche Realität für vielfältige Erzählformen, im  Erzählten verquickt er Kulturhistorie mit wortgewaltiger Fiktion, damit wir kraft des Fiktiven durch die     Erfahrungen der Vergangenheit Möglichkeiten des Menschseins kennenlernen, um sie für unsere Gegenwart und Zukunft auszuschöpfen.    
 

In der Tradition gesellschaftspolitisch und literarisch fruchtbarer Aufklärung schreibt Michael Schneider seinen gelehrt reflektierenden Essay und den strukturiert welthaltigen Roman. Der Blick auf die eigene Zeit ist dabei immer Ausgangspunkt und Antrieb, eben auch dann, wenn über der kritischen Haltung vis-à-vis gegenwärtiger Zustände das aufscheint, was Michael Schneider selbst „konkrete Utopie“ nennt. Was ist das? Ein Widerspruch.     

Wenn ich ihn heute also interpretieren darf, beziehe ich diesen Widerspruch, sehr geehrter Michael Schneider, selbstverständlich auf  Ihre Literatur und stelle fest: Ihr Werk ist konkrete Utopie, weil Sie die Kunst beherrschen, Widersprüchliches aufeinander zu beziehen, und -  nicht etwa aufzuheben, sondern in schwebender Balance zu halten: Sie reagieren auf Missstände mit Empathie und Fantasie, lassen uns an Geschichte teilhaben im Spiegel Ihres stupenden Wissens, deuten uns gesellschaftspolitische und psychologische Prozesse mit aufklärerischem Impetus, bauen Ihre Romane auf sicheren Grund und Boden, um auf ihm lebendige Figuren in Stellung zu bringen, die zwischen These und Antithese mitreißend gepflegte Dialoge führen, auf dass aus dem Ganzen eine Synthese entstehe im Bewusstsein der Lesenden -  und Sie erschaffen diese Literatur mit enormer Leidenschaft für sprachliche Darstellung und in souveräner  Beherrschung aller literarischen Spielarten.
 Konkrete Utopie als Literatur also ist, wenn der ästhetische Schein seine spielerische Selbstgenügsamkeit zwar behält, sich dabei immer aber auf Lebensrealität und gesellschaftlichen Auftrag bezieht, auf dass man beides in aller Anschaulichkeit und auch mit Genuss verstehe.     
Insofern  führt Michael Schneider vor, wie „prodesse et delectare“, also die Forderung aller Kunst, nützlich zu sein und zu erfreuen, vorbildlich eingelöst werden kann:
Kirchengeschichte ist unterhaltsam, wenn er sie erzählt, wir empfinden Mitleid mit seinem tragischen Helden im „Traum der Vernunft“, wenn er dessen Wandlungsprozess vom sanften Revolutionär zum blutrünstigen Tyrannen psychologisch feinfühlig verfolgt, und wir finden Cagliostro einen tollen Burschen, wenn er schildert, wie der Hochstapler den verführtwerdenwollenden Teil seiner Umwelt grandios über den Tisch zieht. 

Und wenn Sie sich, sehr geehrter Michael Schneider, dabei selbst Ihre Klingen aus der Kehle ziehen – und ich weiß aus freudvoller wie auch leidvoller Erfahrung, dass Sie es nicht nur schriftlich metaphorisch tun können, sondern als Magier auch sehr konkret - so, als ob Sie diese Klingen im Inneren hüteten, vermutlich in der Nähe Ihres Herzens – dann bleibt das nicht ohne psychische wie physische Folgen für uns. Die seelische: Sie ziehen uns in Ihren Bann; die körperliche: wir wollen darin bleiben, und uns nicht bewegen, bis wir Ihr Buch zu Ende gelesen, uns also ausgiebig delektiert haben. Dabei freilich spüren wir, dass -  in Bewusstsein und Haltung  - etwas in Bewegung gekommen sein sollte, das unserer Zeitgenossenschaft nützlich wäre.
Nämlich Ihre konkrete Utopie eines vernünftigen und verantwortungsvollen, eines sozial engagierten und ästhetisch gelingenden Zusammenlebens, das der kritischen Überprüfung – und zwar der Ihren  -  genauso standhalten könnte, wie seiner künstlerischen Überhöhung – eben auch der Ihren.

 Michael Schneiders Literatur spiegelt diesen Wunsch nach einem sich immer wieder aufs Neue ergänzendem Zusammenspiel von Ästhetik und Ethik, von Reflexion und Emotion, von Möglichem und Magischem wider, und im Nachvollzug wünschte auch seine Leserschaft, der Balanceakt zwischen Höhenflug und Abgrund, dem Schrecken und dem Schönen, dem Schein und dem Sein möge sich auch außerhalb des geschützten Raums der Kunst verwirklichen lassen.

Solange wir für diese  Balance noch nach einem konkreten Ort suchen  und ihr eben deshalb als Utopie anhängen, werden Sie, sehr geehrter Michael Schneider, an ihrer Realisierung weiterarbeiten und wir dankbar sein, dass wir währenddessen in Ihren Büchern nach ihrem abgebildeten Widerschein Ausschau halten können – schließlich ist er ja intellektuell vielfältig und künstlerisch vielfarbig in Ihren vielen Spiegelkabinetten zu Hause.   Und mögen auch Sie selbst sich noch lange in dieser Stadt zu Hause fühlen, die Ihnen mehr als die beiden Preise, mit denen Sie jetzt ausgezeichnet sind, nicht geben kann – es sei denn, sie setzte einen weiteren aus für die konkrete
Einlösung einer Utopie, die neben dem analytischen und ästhetischen Werk des Schriftstellers Michael Schneider eigentlich nur noch seiner eigenen zaubernden Hände 

 

 

 
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